Sie sind längst da - und bleiben

Sonntag, 11. Dezember 2005, 11.00 Uhr

Erfolgreiche Matinée im Schauspielhaus

Über 600 Besucherinnen und Besucher sahen am 11.12.05 eine spannende Matinée zur Lage der Menschen ohne Papiere in Köln. Eindrucksvolle Redebeiträge, Musik und Kabarett sorgten für Spannung und für Erkenntnisgewinn.

Ein erheblicher Teil der Stadtoberen wollte sie nicht, diese Veranstaltung. Und dieser Teil hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berge. Die Verwaltung drängte das Kölner Schauspielhaus, die Matinée abzusagen. Es sei ein Unding, in einer städtischen Einrichtung für Leute einzutreten, die sich widerrechtlich in Köln aufhielten, so ihre Argumentation. Kurz vor der Matinée war sogar von drohenden Polizeikontrollen die Rede. Doch die Matinée fand unbehelligt statt und ihr Verlauf muss die Befürchtungen der Hardliner in der Kölner Verwaltung und Politik bestätigt haben.

Nicht nur, weil sich zahlreiche Prominente aus eben derselben Kölner Verwaltung und Politik unter den Besuchern fanden – und durchaus gesehen werden wollten. Sondern weil die Veranstaltung eindringlich verdeutlichte, dass das Recht auf Rechte auch für Menschen ohne Papiere gelten muss. Am bewegendsten war wohl für viele die Ansprache von Patricio, einem „Illegalen“, der mit seiner Familie seit 14 Jahren ohne „Genehmigung“ in Deutschland lebt (link auf die Rede!). Diesen Schritt in die Öffentlichkeit hat in Deutschland bislang noch nie ein „Illegaler“ gewagt – ausgenommen diejenigen, die nach der Ablehnung ihrer Asylbegehren aus Kirchenasylen heraus, und besonders dem Wanderkirchenasyl in NRW, an die Öffentlichkeit getreten sind. Deshalb war es nicht von ungefähr, dass Patricio in seiner Rede einige Male innehalten musste: dass er im Schauspielhaus öffentlich den Respekt und die Würde für die Menschen ohne Papiere einfordern konnte, berührte auch ihn zutiefst.

Jean Ziegler, UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung im UNO-Menschenrechtsausschuss, fächerte den Zuhörerinnen und Zuhörern in einer konzentrierten Rede die Ursachen für Flucht und Migration auf, die in der ungerechten Weltwirtschaftsordnung begründet sind (www.randomhouse.de; www.fian.de; www.weed.de): Wenn Deutschland und wenn Europa und die USA z.B. mit Dumpingexporten von Gemüse, Fleisch, Milch oder Getreide die Landwirtschaft in südlichen Ländern ruinieren und die Existenz von Millionen Bauern vernichten, dann sind sie, dann sind wir als Bürgerinnen und Bürger dieses Staates mitverantwortlich für die so in Gang gesetzte und forcierte weltweite Migration. Für den Schutz der MigrantInnen einzutreten, ist deshalb nicht nur eine menschenrechtliche Selbstverständlichkeit, sondern auch eine Folge dieser Mitverantwortung. Für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung zu kämpfen – jenseits der kapitalistischen Unterwerfung aller Länder und Kulturen unter die Jagd nach dem höchsten Profit – ist die andere Seite des Rechts auf Migration und der Zusicherung der Menschenrechte auch für alle MigrantInnen.

Der Kölner Schriftsteller Navid Kermani (www.navid-kermani.de) berichtete von seinem kürzlichen Besuch in Ceuta und Melilla und damit vom Krieg, den das offizielle Europa vor seinen Toren gegen Migranten und Flüchtlinge führt. Ein Krieg mit Toten, mit Verletzten, mit Menschen, die durch Verhungern, Verdursten und Ertrinken lassen umgebracht werden. Sein Blick von außen auf das sich so zivil gebärdende Europa erhellte, dass solch drastische Sicht weder als Dramatisierung noch als pathetische Klage abgetan werden kann, sondern schlicht und einfach die Realität abbildet.

Aus München berichtete Philip Anderson von seiner Studie über die Situation von Menschen ohne Papiere in der Stadt (www.gruene-muenchen-stadtrat.de/seiten/themen/migration.html). Die Studie war in Auftrag gegeben worden von der Stadt München. Resultat der Untersuchung ist, dass „Illegalen“ der Bildungszugang und der Zugang zum Gesundheitswesen gesichert werden soll. Neben München ist bisher Freiburg die einzige Kommune, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten nachdrücklich für essentielle Menschenrechte der Menschen ohne Papiere einsetzt. Köln kann und muss sich hier ein Beispiel nehmen!

Weitere Aspekte des Themas steuerten Gerhard Baum, ehemaliger Innenminister, die Schriftstellerin Siba Shakib und der Kölner Rechtsanwalt Hermann Weische bei. Jürgen Becker, der ein Gedicht von Hanns-Dieter Hüsch vortrug – „Wie soll der Mensch sein?“ – und Ozan Akhan mit einem böshumorigen Selbstgespräch eines Türken im deutschen Polizeigewahrsam lenkten den Blick auf die rassistischen Begleiterscheinungen der Migration; Romano Trajo, Gerd Köster und Frank Hocker und die Talking Horns besorgten musikalische Einwürfe und schafften Raum zum Durchatmen; das Blasorchester Dicke Luft hatte schon vor Beginn der Veranstaltung für prächtige Stimmung im Foyer gesorgt.

Wenn auch die letzte konkrete Handreichung unterblieb, die die Besucherinnen und Besucher nach drei Stunden Programm hätten mit nach Hause nehmen können – Adressen, Kontonummern, nächste Aktionen: nachdem sie über 2.000 Euro für das Medinetz Bonn gespendet hatten, wird sicherlich mancher von ihnen den heimischen Computer befragt haben, wie er denn die mit „Illegalen“ arbeitenden Gruppen – Agisra, Kölner Appell gegen Rassismus, Kölner Flüchtlingsrat, Rom e.V., der Unterstützerkreis für die von Abschiebung bedrohten Kinder und Jugendlichen und kein mensch ist illegal – an dieser oder jener Stelle weiter unterstützen könnte…

Sicher ist, dass diese Gruppen gemeinsam mit dem „Runden Tisch für Integration“ die Situation der Menschen ohne Papiere in der Stadt weiter thematisieren werden.

*********************************************************************************

Rede von Patricio
auf der „Matinée“ zur Lage der Menschen ohne Papiere
am 11.12.05 im Schauspielhaus Köln

Ich heiße Patricio. Ich komme aus Lateinamerika und lebe schon seit vierzehn Jahren in Deutschland. Ich bin einer von denen, die ihren Nach-Namen nicht nennen und ihn auch nicht auf das Türschild oder den Briefkasten schreiben, außer, sie warten auf einen wichtigen Brief.

Ich bin einer der vielen Menschen, die anonym in diesem Land leben, mit illegalem Status. Das zu sagen, belastet mich. Die, die selbst als Illegale leben, verstehen meine Nervosität. Es ist die Angst, festgenommen und abgeschoben zu werden. Diese Angst begleitet uns, seit wir hier sind. Sie ist den Schmerzen bei unserem Aufbruch ähnlich: Wer geht, leidet ebenso wie die Lieben, die zurück bleiben. Ich habe das am eigenen Leib erfahren und ich kenne die Erfahrungen vieler meiner Freunde. Nicht alle haben das Glück, noch mit ihren Familien zusammen zu sein, so wie ich.

Jorge heißt der Freund, der vor einigen Jahren von der Polizei entdeckt wurde. Er hat, genau wie meine Frau und ich, in Jobs gearbeitet, die die etablierten Leute ablehnen. Er war ein vorbildlicher Vater und sehr verantwortungsbewusst, überzeugt davon, dass man nur die Regeln einhalten muss und Problemen aus dem Wege gehen soll. Das bedeutet, sich nicht an öffentlichen Orten aufzuhalten und kein normales soziales Leben zu haben, Streit zu vermeiden und sich nie zu beschweren. Wenn man diese Disziplin an den Tag legt, meinte er, kann man sich vor einer Denunziation oder den Ermittlungen der Polizei schützen. Bis dahin konnten seine Töchter zur Schule gehen, erst mal nur in die Grundschule, weil die Schulleiter ein Auge zugedrückt haben. „Und später sehen wir weiter“, sagte er, „die Zeiten ändern sich. Eines Tages wird uns Deutschland anerkennen und uns ein Bleibe-Recht geben, so wie es auch andere Länder tun“.

Seine Abschiebung hat die Familie zerrissen – er wurde mit einer Tochter ausgeflogen. Seine Frau konnte der Polizei entgehen und blieb mit der anderen Tochter zurück.

Manchmal treffe ich Luca, die Ehefrau von Jorge, mit ihrer Tochter in einem Callshop oder einem Internetcafé. An diesen Orten sind wir oft, um zu telefonieren und per email mit denen zu kommunizieren, die in unserem Heimat-Land geblieben sind. Jenny, die Tochter, ist begeistert von der neuen Technologie. Als ihre Schwester sie auf dem Bildschirm sah, hat sie gesagt: „Ein bisschen fehlt nur, und ich kann dich berühren“. Luca, ihre Mutter, hatte gehofft, dass die beiden Ausgewiesenen wieder zurückkehren könnten, aber sie wurden nach der Landung schon auf dem Flughafen wieder zurückgeschickt. Der Flug hatte soviel Geld gekostet! Und sie stecken schon bis zum Hals in Schulden, dass sie es nicht wieder versuchen werden. Sie haben sich seit fünf Jahren nicht „berührt“.

Katy lebt in unserem Heimatland. Sie ist die Tochter von Rocío, einer Frau, die hier schon seit fast vier Jahren lebt. Rocío hörte nicht auf zu weinen, als sie eines Nachts über das Telefon erfuhr, dass ihre Tochter Katy Gift genommen hatte. Am nächsten Morgen ist sie sofort in ein Reisebüro gerannt. Sie wollte nach Hause zu ihrer Tochter, die im Krankenhaus lag. Aber es ging nicht so schnell, erst in zwei bis drei Tagen hätte sie fliegen können – oder das Geld für ein Erste-Klasse-Ticket bezahlen. Geld, das sie nicht hatte.

Gott sei Dank entwickelte sich Katys Gesundheitszustand positiv. Am dritten Tag entschied die Familie, dass ihre Mutter nicht reisen sollte. Eigentlich hat es die Großmutter entschieden: Katy sei dabei, sich zu erholen, und es sei besser, wenn Rocío nicht fliegen würde. Denn sie kann als Illegale ja nicht wieder nach Deutschland einreisen, dorthin, wo sie Geld verdient, um das Krankenhaus zu bezahlen. Rocío ist geblieben und schickt regelmäßig etwas Geld für die Schulkosten und das Essen der Kinder. Am Telefon bittet sie die Großmutter, dass sie gut auf ihre Tochter aufpasst. Sie soll nicht noch einmal „Dummheiten“ begehen. Katy hatte ihrer Mutter gesagt, sie hätte sich vergiften wollen, weil Rocío sie verlassen hat und sie also nicht liebt.

Viele meinen sarkastisch: wenn es euch so schlecht geht, warum geht ihr dann nicht zurück in euer Heimatland? Wir sind hierher gekommen auf der Suche nach einem besseren Leben. Wenn es zu Hause schlecht läuft, dann muss man sich eine bessere Perspektive suchen – das ist ein natürliches Ziel für jeden Menschen. Ihre und Eure Vorfahren haben genau das Gleiche gemacht und sind ausgewandert, wenn die Bedingungen unerträglich wurden.

Anita sagt wie fast alle Mensche ohne Papiere: „Es ist doch gut, dass wir vorankommen und trotz aller Probleme Arbeit haben. Das reicht mir schon, um den Deutschen dankbar zu sein, und ich bete zu Gott, dass mir nichts Schlimmes zustößt, weil ich noch einige Monate so weitermachen möchte.“

So tröstet sich die Mehrheit von uns. Aber wie ich diese Situation hasse, weil Armut mehr ist als knappe oder fehlende Einkünfte. Armut bedeutet auch, dass Lebens-Qualität, Freiheit, Würde, Selbst-Bewusstsein und der Respekt der anderen Menschen verweigert werden. Auch die Verweigerung von sozialen, politischen und physischen Möglichkeiten, um ein gesundes und kreatives Leben zum Wohle der Gesellschaft führen zu können, bedeutet Armut.

Wir sind Hunderttausende, das heißt, dass es auch Hunderttausende gibt, die uns Arbeit geben. Nicht alle von ihnen sind Ausbeuter, unter ihnen gibt es viele gerechte und solidarische Menschen. Weil wir hier Arbeit haben, können wir unser Land und unsere Familien zuhause unterstützen.

Unsere Rück-Überweisungen erlauben es Tausenden von Familien, ihre prekäre wirtschaftliche Situation zu verbessern und die Armut zu bekämpfen. Sie tragen zur Entwicklung der armen Länder bei, denn sie ermöglichen mehr Investitionen von Haushalten in Bildung und Gesundheit oder auch in die Schaffung von Arbeitsplätzen. Das reicht vom Erwerb eines Telefons, das die Verkäufe eines Kunst-Handwerks-Ladens verbessern hilft, bis zur Einrichtung einer kleinen Werkstatt oder dem Kauf von Maschinen für die Landwirtschaft. Damit kommen diese Gelder den einfachen Leuten zugute, den Kindern, Ehepartnern, Eltern oder Geschwistern der Abwesenden.

Eine solche Wirkung haben nicht einmal die Millionen der internationalen Entwicklungshilfe oder die Kredite, die unsere verschuldeten Länder aufnehmen, denn diese Gelder kommen letztlich fast immer den großen Unternehmen zugute. Um die Kredite zurück zu zahlen, werden immer die Armen belangt, ihre Löhne werden gekürzt, Bildung und Gesundheitsversorgung verschlechtert.

Die Menschen ohne Papiere sind eine weltweite Realität, und Deutschland sollte anerkennen, dass wir auch hier existieren. Es sollte nach einer menschlichen Lösung suchen und nicht den Ideen von Herrn Schily folgen, Auffang-Lager für Menschen ohne Aufenthaltsstatus zu errichten oder Exklusiv-Flüge für Abschiebungen zu chartern. Es kann nicht sein, dass eine so zivilisierte Gesellschaft keine andere Lösung als Abschiebung und Stillschweigen findet.

Für uns ist es die Regel, dass Straftaten gegen uns ungesühnt bleiben. Aber wenn die Gesellschaft den Missbrauch ungestraft lässt, dann lässt sie zu, dass er sich wiederholt. Die Straflosigkeit beraubt die Schwächsten aller Möglichkeiten. So sieht unsere Realität aus! Und diese Realität sollte man bekannt machen und ins Bewusstsein rufen. Kein Schweigen mehr! Das Schweigen lässt zu, Schweigen heißt Bequemlichkeit und Komplizenschaft.

Ich grüße herzlich und möchte mich bedanken bei der Kölner Aktion „Kein Mensch ist illegal“, Medinetz Bonn, der Bonner Bürgerinitiative für die Rechte und Würde der Menschen ohne Papiere und bei allen Organisationen und Personen, die mit unserem Anliegen solidarisch sind.

Vor Ceuta und Melilla werden sie abgewehrt und zurückverfrachtet, vor Sizilien ertrinken sie, an den Küsten Europas werden sie eingelagert: Menschen, die zu uns wollen, und kein Recht dazu erhalten.

In Frankreich werden sie “sans papiers” genannt, hier werden sie – noch – von der offiziellen Kölner Rathauspolitik als “illegal” bezeichnet und meist dementsprechend behandelt. Mehr als 20.000 Menschen leben in Köln ohne Aufenthaltsrechte, wohnen und arbeiten oft schon seit vielen Jahren in der Stadt, können aber als “Illegale” ihre elementarsten Menschenrechte nicht wahrnehmen.

Was tun? Abschieben? Sie sind längst da! Abschrecken?
Auch die hässlichste Behandlung durch Verwaltung und Polizei kann an die Repression in ihren Heimatländern nicht ranreichen.
Sie sind längst da und bleiben.
Wenn sie Gewalt erleiden oder um ihren Lohn geprellt werden, können sie sich nicht wehren. Sie haben Angst, zum Arzt zu gehen oder ihre Kinder in die Schule zu schicken. Denn werden sie entdeckt, drohen sofortige Inhaftierung und Abschiebung.
Und wie gehen wir mit diesen Menschen um? Nehmen wir sie überhaupt wahr?
Darf es in der Stadt, in der wir als Bürger leben, Menschen ohne Rechte geben, die unter unwürdigen und erniedrigenden Umständen leben müssen?
Die Stadt Köln, das haben vor kurzem das Containerlager und das Unterbringungsschiff im Deutzer Hafen gezeigt, hat sich bisher im Umgang mit diesen Menschen reichlich blamiert – “Leidbild Köln”.
Aber die Beispiele Freiburg, München oder Münster zeigen, dass es weitaus humanere und konstruktivere Möglichkeiten des Umgangs gibt. In der Matinée berichten Betroffene; ExpertInnen nehmen Stellung zu Ursachen, Vorurteilen, Modellen; Filmszenen beleuchten die Situation; Initiativen schildern ihre Ansätze und Erfolge; Kabarettisten schaffen Zuspitzung. Und: Musik …

TEILNEHMER:
BERICHT UND DEBATTE: Jean Ziegler, UN-Botschafter und Publizist; Patricio Z. (“illegal”); Philip Anderson, Migrationswissenschaftler; Yolanda Bakker, Kriminologin; Gerhard Baum, Bundesinnenminister a.D.; David Kermani, Schriftsteller; Siba Shakib, Schriftstellerin
KABARETT und ZUSPITZUNG: Jürgen Becker, Kabarettist; Ozan Akhan, Schauspieler
MUSIK: Gerd Köster & Frank Hocker; Talking Horns; Romano Trajo; Brothers Keepers mit Adé Bantu, Blaise, Snipe, Jean Felix; Blasorchester Dicke Luft
MODERATION: Heinrich Pachl

Eintritt 10 EURO

VERANSTALTER: Kölner Runder Tisch für Integration
UNTERSTÜTZT VON: kein mensch ist illegal, Agisra, Kath. Bildungswerk, Kölner Appell gegen Rassismus, Unterstützerkreis für die von Abschiebung bedrohten Kinder und Jugendlichen, Kölner Flüchtlingsrat, Rom e.V.